Biografiearbeit
„Wir müssen dem Kind helfen, dass
es seine Situation selbst auch ganz begreift,
das Vergangene, das Gegenwärtige und das Mögliche in
der Zukunft. [...]
Da muss jemand sein, der aufarbeiten hilft.“
Andreas Mehringer (1911-2004).
Was ist Biografiearbeit?
Biografiearbeit ist ein relativ neuer Ansatz
in der psychosozialen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.
Mit dieser Methode lässt sich die Lebensgeschichte eines
Menschen strukturiert aufzeichnen und die Verarbeitung
lebensgeschichtlicher Ereignisse fördern. Diese „biografische
Selbstreflexion“ stellt eine Möglichkeit zur Unterstützung
der Identitätsfindung dar. Durch das Verstehen der eigenen
Lebensgeschichte kann ein Annehmen der eigenen
Person gelingen, was wiederum Möglichkeiten zur Weiterentwicklung
und zum persönlichen Wachstum bietet.
Biografiearbeit kann in allen Lebensphasen eingesetzt
werden – mit Kindern und Jugendlichen ebenso wie mit älteren
Menschen. Besonders kommt Biografiearbeit dort zum Tragen, wo
Krisen oder Wendepunkte in der Lebensgeschichte eines Menschen
eine Rückschau erfordern oder wo unbekannte oder unverstandene
Teile der Biografie der Erklärung und Verarbeitung bedürfen.
In der Altenarbeit dient sie auch dazu, die Arbeit und die Angebote
der Pflegekräfte auf das bisherige Leben der Klienten abstimmen
zu können, vor allem in der Arbeit mit Demenzerkrankten.
Mit Kindern und Jugendlichen wird Biografiearbeit
häufig dann durchgeführt, wenn diese keine oder wenig
Informationen über ihre eigene Lebensgeschichte und leibliche
Familie haben, weil sie z.B. bei Pflege- oder Adoptiveltern oder
im Heim leben. Durch die Biografiearbeit soll das Kind einen Zugang
zu seiner Lebensgeschichte erhalten und damit in seiner Identitätsentwicklung
unterstützt werden. Über die Arbeit an der Biografie
können zurückliegende Ereignisse, wie z.B. die Gründe
für die Fremdunterbringung, geklärt werden, das Kind
wird so von Schuldgefühlen entlastet. Durch die Beschäftigung
mit seiner eigenen Geschichte und seiner Person erfährt es
Würdigung, Wertschätzung und Interesse.
Biografiearbeit stellt keine Psychotherapie dar,
kann aber gleichwohl im therapeutischen Kontext zur Anwendung
kommen.
Zur Methode
Biografiearbeit beinhaltet das Erstellen einer
Aufzeichnung vom Leben des Kindes oder Jugendlichen. Dies kann
in Buchform geschehen – als Lebensbuch – oder aber
als Hörkassette, Videoaufzeichnung etc. Dabei werden verschiedene
kreative Methoden verwendet, die dem Alter und Entwicklungsstand
des Kindes angepasst sein müssen. Auch Besuche an wichtigen
Orten wie z.B. einem früheren Wohnort des Kindes oder Interviews
mit Verwandten können Teil der Biografiearbeit sein.
Biografiearbeit sollte von einem Erwachsenen
durchgeführt werden, der eine gute Beziehung zum Kind hat
(z.B. die Bezugserzieherin) und sich über einen längeren
Zeitraum hinweg regelmäßig dieser Arbeit widmen kann.
Umfang und Dauer der Arbeit richten sich nach der Lebensgeschichte,
dem Alter und Entwicklungsstand des Kindes – einen Zeitraum
von einem halbem Jahr mit regelmäßigen Treffen sollte
man mindestens einplanen. Eine ungestörte Arbeitsatmosphäre
muss gewährleistet sein, um ein Vertrauensverhältnis
zum Kind herzustellen. Verlässlichkeit, Vertrauen und Sensibilität
von Seiten des Erwachsenen sind unabdingbare Voraussetzungen für
diese Arbeit. Supervision zur eigenen Reflexion ist deshalb ratsam.
Zur Vorbereitung empfiehlt sich die Rekonstruktion
der Lebensgeschichte durch das Erstellen einer „Lebensgrafik“
oder Lebenskurve. Entlang dieser Zeitleiste werden chronologisch
die subjektiv wichtigen Ereignisse wie Wohnortwechsel oder Verlust
der Bezugspersonen eingetragen. Dazu muss man sich bereits im
Vorfeld Informationen z.B. von den leiblichen Eltern oder dem
Jugendamt einholen.
Ein Lebensbuch sollte dann Folgendes beinhalten:
- Die persönlichen Daten des Kindes (Geburtsdatum, Name,
Namensbedeutung, persönliche Vorlieben, Stärken, Interessen
etc.)
- Daten und Informationen der leiblichen Eltern/Familie (Stammbaum,
Fotos, Wohnort, Beschreibung etc.)
- Daten und Informationen der jetzigen Bezugspersonen (Pflegefamilie,
Heimgruppe, Adoptiveltern)
- Chronik und Umstände des Unterbringungswechsels (Warum
ist das Kind fremd untergebracht, wie ist die Perspektive?)
- Der Themenbereich Gefühle (Welche Ängste hat das
Kind, wie fühlt es sich in der jetzigen Situation, was
macht es glücklich, was macht es traurig etc.?).
- Die Zukunft mit den Wünschen und Erwartungen des Kindes
(Wie soll mein Leben aussehen?)
Weitere Einsatzmöglichkeiten
Biografiearbeit kann als „Überbrückungsarbeit“
den Wechsel eines Kindes in ein anderes Lebensumfeld (z.B. vom
Kinderheim in eine Pflegefamilie) begleiten und erleichtern. Ein
solcher Wechsel löst Erwartungen, aber auch Ängste aus,
die in der Biografiearbeit thematisiert werden können. Auch
der Abschied aus einer Institution kann durch Elemente überbrückender
Arbeit bewusst begleitet und ermöglicht werden.
In der Heimerziehung kann Biografiearbeit auch
mit einer Gruppe von Kindern durchgeführt
werden. In der Gruppe können allgemeine, aber auch persönlichere
Themen besprochen werden wie: Was ist ein Kinderheim? Warum sind
Kinder im Heim? Wer bin ich? Warum bin ich hier? Wie geht es mir
im Heim? Die Kinder und Jugendlichen erfahren durch die gemeinsamen
Treffen, dass sie nicht alleine in einer außergewöhnlichen
Situation sind und können ihre Erfahrungen und Gefühle
miteinander teilen. Dies kann entlastend wirken. Im Anschluss
an die Gruppenarbeit kann die Arbeit mit einzelnen Kindern weitergeführt
werden. Gruppenarbeit ist auch für gemeinsam untergebrachte
Geschwister angezeigt.
Leiden Kinder an einer lebensbedrohlichen Krankheit
oder erleben sie, dass ein wichtiger Erwachsener in ihrem Umfeld
sterben wird oder gestorben ist, kann Biografiearbeit als Trauerarbeit
sie in dieser Situation begleiten und helfen, den Schmerz und
die Trauer zu verarbeiten.
Bei hochstrittiger Trennung/Scheidung
der Eltern kann Biografiearbeit z.B. im Rahmen eines Begleiteten
Umgangs eingesetzt werden, um mit den Kind seine Situation zu
klären und Loyalitätskonflikte zu thematisieren.
Bei Kindern anderer kultureller oder
ethnischer Herkunft kann Biografiearbeit eingesetzt werden,
um den Kindern Wissen über ihr Herkunftsland oder das ihrer
Eltern zu vermitteln und ihnen zu helfen, Vorurteilen und Erwartungen
anderer besser begegnen zu können.
Literaturtipps zur Biografiearbeit finden Sie
hier
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